Der Engel im Park 1.Teil
Sonntag, Oktober 26th, 2008Keine Schneewolke am Himmel. Nichts. Nur die Sonne steht tief und blendet. Schön und klar zeigt sich der neue Wintertag. Morgen ist Weihnachten. Da erwartet jeder das Wunder von oben. Die Heilige Familie voll Eintracht beisammen. Und draußen makellos weiß die Welt. Lange vor dem Taglicht schien alleHoffnung auf Schnee begraben. Schon beim ersten Schritt insFreie gefror Wim der eigene Atem zu Eis. Kalt zeigte der Mondnoch sein Nachtgesicht, und die Sterne blinzelten frostig. Vögel,die sonst längst in den Bäumen lärmten, blieben steif auf ihrer Astgabel hocken.»Wir sind heute die Ersten«, brummt Wim, als er den Motor abstellt.»Wenn es nach dir ginge, wären wir immer die Letzten! «Neben ihm die Stimme der Frau klingt scharf, genauso wie in der Nacht, als sie ihn weckte. Nelly, wie Marktleute undFreunde sie nennen, trieb ihren Sohn schon in der Frühe zur Eile.»Von ihrem Ältesten darf eine Mutter erwarten, dass er wenigstens einmal im Jahr zur Zeit aus den Federn kommt«, rief sie und hämmerte mit der Faust gegen die Tür. »Hörst du?« Als seine Antwort ausblieb, folgte ein noch heftigeres Getrommel und Geschimpfe. »Heute möchte ich pünktlich mit der ewigen Plackerei zu einem Ende kommen. «Sie dachte daran, wie in den Jahren zuvor in den Bürgerhäusern schon die Kerzen entzündet wurden, während sie noch putzte und schrubbte.»Ja, ja!«, rief Wim in den Lärm und gähnte. »Von einer alten Frau sollte niemand erwarten, dass sie nocham Heiligen Abend bis Ultimo für alle Welt ihren Buckel krumm macht«, zeterte sie weiter. »Erst recht nicht für ein stinkfaulesVolk von Schlafmützen!«›Damit wollte sie zuallererst dich treffen‹, dachte Wim. Und mit dem ›Volk von Schlafmützen‹ meinte sie wohl auch die immerselben Zu-Spät-Kommer am Fischwagen, die sich nach Ende der Marktzeit meist noch nicht schlüssig waren, was sie dort kaufen wollten. Und dann dieses ›alle Welt‹! Bestand die für ihn dochseit Ende der Schulzeit nur aus dem Großmarkt und den alleTage wechselnden Standorten der Wochenmärkte. Unter ›alleWelt‹ stellte sich Wim Größeres vor. Die weite See zum Beispiel,und darauf er als Fischer mit vollen Netzen oder, besser noch,als Kapitän des PS-stärksten Kutters der Fangflotte. Aber statt rauschender Meereswogen hat er hier in der Großmarkthalle dasGeröhre der Gabelstapler im Ohr, die zwischen der Laderampe und den Standorten der Großhändler hin und her hetzen. WildeStiere, die auf gesenkten Hörnern ihre leblose Last balancieren und knirschend am Bestimmungsort absetzen. Und erneut beginnt ihre emsige Jagd auf Beute. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de