Der Engel im Park 3.Teil
Freitag, November 28th, 2008Vor hohen Festtagen wie Weihnachten oder Sylvester boten sie früher auch lebende Karpfen in einem Bassin an. Die Käufer, meist Frauen, zeigten auf das arglose Opfer, das da stumm sein Maul bewegte und mit den Flossen ruderte. Ihr Mann fing es mitdem Netz ein und schlachtete es vor aller Augen. Manche der Kundinnen kreischten, wenn letztes Leben aus der sterbenden Kreatur wich und sie sich in ihrem Wachspapier noch einmal aufbäumte oder zuckte. Aber auch den Verkauf lebender Fische hatten sie längst aufgegeben. Für diesen letzten Verkaufstag vor dem Fest ist ihr Wagen mit Fischkisten voll gepackt. Wim sitzt am Steuer. Ihr Weg zum heutigen Stammplatz ist nicht weit. Nachtdunkle Gärten und Häuserzeilen, in deren Fenstern erste Lichter aufscheinen, ziehen an ihnen vorüber. Nach jedem Ampelstopp ruckelt der Wagen, wenn er nach dem Hochschaltender Gänge nur zögernd das Gas annimmt. ›Schon lange müsste einneuer her‹, denkt Wim. Es laut zu sagen, hat er längst aufgegeben, seit die Mutter ihm vorhielt, diesen Wagen habe schließlich schonVater gefahren. Und das Andenken eines Verstorbenen müsse man hoch halten. Stumm sitzt Nelly neben dem Sohn. Auch der sagt nichts.Nur manchmal zieht er an seiner Zigarette. Ätzend legt sichder Rauch auf Nellys Lider. ›Darin wird er seinem Vater immer ähnlicher. Auch der hatte sich und seine Gedanken hinter dichten Tabakwolken versteckt‹, sinniert sie. ›Sogar Stimme und Gesten sind gleich. Sie könnten vom selben Mann stammen.‹ Sie sieht zu Wim hinüber. Im Licht vorbeihuschender Straßenlaternen erkennt Nelly unter der Wollmütze nur sein Profil und die aufglimmende Zigarettenglut. Ihr ist, als säße Wims Vaterimmer noch neben ihr. Trotz mancherlei Zweifel nach häufigemStreit ist ihr seit langem gewiss: Auch ein zweites Mal würde sie sich in diesen Mann verlieben, auch wenn ihre Familie – wie damals – nichts unterließe, ihr die Hochzeit mit ihm auszureden: Erstens wäre er ein hergelaufener Vagabund und zweitens gäbe es bei ihm diesen unübersehbaren Hang zur Faulheit, wie sie seine ruhige Art und Bedachtsamkeit deuteten. So einer taugte nun mal nicht fürs Geschäft.Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de