Der Engel im Park 2.Teil

Jetzt schleppen Mutter und Sohn wieder bleischwere Kisten und hieven sie in ihren Verkaufswagen. Nelly stöhnt. Wie soll sie einem jungen Kerl wie ihrem Wim deutlich machen, dass auch die unendlich scheinende Kraft einer Mutter nicht bis in alleEwigkeit reicht? Wetzt doch das Alter heimtückisch seine Messer  und sticht jeden Tag ärger zu. Gestern war es die Brust, die von innen her schmerzte. Heute ist es der Rücken. ›Jetzt nur nicht schlapp machen, Nelly‹, widersetzt sie sich der fortschreitenden Erschöpfung. Es ist nicht so sehr die Masse der Fischleiber, die ihr an den Gelenken zerrt, wohl eher dieses bröselige Eis, dessen Gewicht ihr die Kühlboxen fast aus den Händen reißt.»Diese Fischsärge werden von Tag zu Tag schwerer«, klagt sie.»Bei uns ist doch jeden Tag alles gleich«, widerspricht Wim.›Gar nichts ist gleich‹, will sie sagen. ›Manches ist heute docheinfacher.‹Aber sie schweigt. Ihm mit Beschwernissen früherer Tage inden Ohren zu liegen, hat sie längst aufgegeben. Bewegt doch jedeGeneration nur die eigene Gegenwart, so als gebe es weder ein130Gestern noch ein Morgen. Früher, als ihr Mann noch lebte, hatten sie nach der Rückkehr vom Großmarkt stundenlang glitschigenFisch geschuppt und dann ausgenommen. Erst danach konnten sie die Tierleiber vom Unrat reinigen und zu Hälften, Filets oderScheiben zerteilen, um sie dann auszuwiegen und den Kundenüber die Theke zu reichen. Manche von ihnen warteten eine ruhige Zeit ab, wenn kein anderer vor dem Verkaufswagen stand, und ließen sich übriggebliebene Fischköpfe und Fischschwänze auswiegen. Wasdann in ihrer Einkaufstasche verschwand, mochte manchemals Zeichen von Armut gelten. Doch wusste Nelly in solchenMomenten, dass sich dahinter meist das geheime Wissen umdas Rezept einer köstlichen Fischsuppe verbarg. Heute kauftensie den Fisch fertig zerteilt vom Großhändler. Wim hielt nichtsdavon, tote Fische aufzuschlitzen und ihnen aus offenen Bäuchendas Innenleben herauszureißen. Nicht, dass diese Abscheu von übertriebener Tierliebe herrührte. Er mochte es nicht, wenn nachgetaner Arbeit trotz endlosen Bürstens die Hände weiter nach Fisch rochen. Nelly wusste, für Wim würde es ohnehin schwer,eine Frau zu finden. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de   

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