Der Engel im Park 4.Teil
Wo immer sie in all den Jahren ihren Fisch verkauften: Überall änderten die Märkte im Advent ihr Gesicht. Die Blumenstände boten mit einem Mal Weihnachtssterne und Adventskränze feil. Und aus allen Windrichtungen wehte der Duft von Glühwein herüber. Vom winzigen Kinderkarussell krächzten wieder die Hupen der altertümlichen Autos, und die Feuerwehrglockeläutete im Takt eines übermütigen Kinderherzens. Unverrückbar war hier der Mittelpunkt, um den sich die Welt der Kleinen drehteund sie nach beendeter Fahrt an derselben Stelle zum Stillstand kommen ließ, wo sie die Erwachsenen vor ein paar Augenblicken aus ihrer Obhut entlassen hatten. Auch Nelly kehrte am Tag des Heiligen Abends stets an dieselbe Stelle zurück. Jahr für Jahr hatten sie hier vor dem Fest ihren Platz. Von da konnten sie das Portal der Kirche sehen und auch, wie Menschen die Freitreppe hinauf stiegen, um im Kircheninneren ein letztes Adventslicht zu entzünden und zu beobachten, wie sich der Stallvon Bethlehem mit seinen Figuren füllte oder letzter Schmuck an die Christtannen angelegt wurde. Heute ist es nicht anders. Nur den Frost empfindet sie stärker alssonst. Alles ist Kälte: Die Luft, die Erde, der Fisch, das Eis. Sogar die Wechselmünzen, die sie aus der Kasse nimmt, scheinen ihr an den Fingerspitzen festzufrieren. An Frosttagen wie diesem suchen Nelly und Wim die Nähe der heißen Grillplatte, auf deres zur Mittagszeit zischt und schmort. Aber nie reicht die Zeit,um die über die Haut kriechenden Kälteschauer dauerhaft zuvertreiben. Sonst ist in ihrem Verkaufswagen alles wie immer. Noch im Tod blicken Fischköpfe voll stiller Empörung. Weitaufgerissen sind ihre Mäuler, als wollten sie nicht nachlassen, die Hinterlist ihrer Fänger und Mörder zu beklagen. Doch nie ist Nelly dem gebrochenen Blick der gemeuchelten Tiere ausgewichen. Sie redet auf sie ein, leise zuerst, damit Wim es nicht hört. Sie legt alle Überzeugungskraft in ihre Worte, versucht zuerklären, dass jedes Leben nun mal mit dem Tode ende, und ein schneller, schmerzloser Tod für jedes Geschöpf eine Gnade sei. Und sie, die Auserwählten, würden schließlich von den Herren der Welt zur Ehre ihrer festlichen Tafel erhoben. Doch als sie inden Fischgesichtern keinerlei Zeichen von Zustimmung erkennt, gibt sie – schon lauter – zu bedenken, dass sie wahrscheinlich einem viel größeren Unheil entkommen seien. Niemand könne doch wissen, ob ihnen in ihrem Fluss oder Meer nicht eingrausameres Ende, nämlich durch Zerfleischung bei lebendigem Leib, gedroht hätte. Schließlich wimmele es in allen Gewässernvon fressgierigen Hechten und Haien.Verstört blickt Wim zur Mutter herüber. Dass sie mit sich selbst oder mit Unsichtbaren spricht, war ihm vorher nie aufgefallen.»Ich geh mal kurz rüber!«, unterbricht sie Wims Gedanken und greift ein paar Münzen aus der Kasse. Wortlos nickt Wim. ›Mal kurz rüber‹ bedeutet, dass seineMutter drüben ›Am Eck‹ heißen Kaffee schlucken würde oder auch mal was Schärferes. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de