Der Engel im Park 5.Teil

Nelly genießt die erste Tasse seit Stunden. In der Enge des Schankraums stehen die Marktleute dicht gedrängt. Die Wärme weckt ihre Redelust. Und so schwadronieren sie über Geschenke und Festtagsbraten, doch mehr noch über die schlechten Zeitenund die schrumpfenden Geldbeutel ihrer Kunden. Doch bald wieder drängt es Nelly ins Freie. Sie nimmt den geraden Weg zur Kirche. Zu den ganz Frommen zählt sie sich nicht, aber sie liebt die Stille dieses Orts. Oft hat sie sich gewünscht, zur Christmette um Mitternacht herzukommen. Doch nach der Arbeit des Tags war sie schon kurz nach der Heimkehr fest eingeschlafen. Ihr fällt auf, dass in diesem Jahr mehr Bettler als sonst vor dem Kirchenportal stehen. ›Spekulanten auch die!‹, regt sie sich innerlich auf. ›Erwarten, dass sich am Heiligen Fest nicht nur dieHerzen, sondern vor allem die Geldbörsen öffnen.‹ Bald darauf ist sie milder gestimmt, fällt ihr doch ein, wie nahe sie selbsteinmal dem Zustand der Mittellosigkeit war. Damals hatte ihr jemand im Vorbeigehen aus Mitleid einen Schein zugesteckt.Seitdem achtete sie sorgfältig auf ihr Äußeres.»Eine Spende für einen Obdachlosen!«Nelly wirft eine Münze in den Plastikbecher, mit dem ihr einMann den Weg versperrt.»Unsere fromme Nelly geht beten«, höhnt der Mann. Sie kennt ihn seit Jahren. »Du kannst dir gleich bei mir ein warmes Fischbrötchenholen.«»Fisch? Iih!«, sagt der Mann und verzieht das Gesicht.»Undankbare Welt!«, schimpft sie und zerrt wütend an der Klinke des schweren Portals. Schon im Windfang hört sie den Klang einer feierlichen Musik. Der Chor probt sein Oratorium, und der Organist lässt von der Empore Gottes mächtige Stimme dröhnen. Sie hält inne, und für einen Augeblick scheint ihr das Herz vor Ergriffenheit still zu stehen. Dann beginnen die Glocken zu läuten und versetzen in Erwartung der Geburt Christi alleund alles in frohes Schwingen, obwohl doch jeder hier weiß, wie erbärmlich er später zu Tode kam. Arme Maria! Wie grausam, ein Kind zu verlieren! Nelly ist dankbar, dass ihr dieser Kummer im Leben erspart blieb.  Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de    

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