DER ENGEL IM PARK 6.Teil

Nur »er« ist weit vor der Zeit von ihr gegangen. ›Cees‹ hieß er und mit Nachnamen Vermeulen. Aber alle nannten ihn ›Käs‹; denn er stammte aus Holland. An Bord seines Rheinschiffs, auf dem er Matrose war, trug er sogar die typischen Klompen, Holzschuhe, wie sie in den Dörfern seiner Heimat üblich waren. Irgendwann stand er am Fischstand direkt vor ihr und fragte nach ›Maatjes‹. Ihr Vater hatte auf dem Großmarkt gerade das erste Fass dieses Jahres erstanden. Nelly sah, wie der Fremde den Fisch am Schwanzende fasste und mit geschlossenen Augen über seinen rückwärts geneigten Kopf hielt. Langsam verschwand der Fischleib im Rachen des Mannes. Er schien das zarte Fleisch des Tiers kaum zu kauen, sondern nur zwischen Gaumen und Zunge zu walken. Sie wunderte sich, wie sein Adamsapfel mit jedem Schluck tanzte. Als er sie danach aufmerksam ansah, hielt sie seinem Blick stand. Doch dann errötete sie. Noch nie hatte sie einen Mann so ausdauernd betrachtet. »Nu nog graag een Jenever of een biertje«, bat er in breitem Niederländisch und lachte. »Schnaps und Bier haben wir nicht!«, sagte ihr Vater barsch. »Wir verkaufen nur Fisch.« Danach kam Cees alle paar Wochen, wenn sein Schiff im Rheinhafen festmachte. Heimlich hatte sie für ihn eine Flasche Jenever gekauft und in der Kühlung versteckt. Viel sagte er nicht, wenn er vor ihr stand und sie fortwährend ansah. Nur seine Augen suchten die Antwort auf eine Frage, die er noch gar nicht gestellt hatte. Sobald ihr Vater sich abwandte, schüttete sie Cees ein Glas randvoll Jenever. »Prost«, sagte sie dann leise und beobachtete genau, wie er den Branntwein mit der Zunge in jede Mundfalte trieb. Erst dann schluckte er, und nach einem lang gezogenen »Aah«folgte ein: »Heerlijk, Juffrouw.« Denn es dauerte lang, bis er eswagte, sie beim Vornamen zu nennen. Wenn ihr die Wochen allzu lang wurden, ehe er wieder bei ihr auf dem Markt erschien, trank sie heimlich ein Glas von ›seinem Jenever‹ auf sein Wohlund auch darauf, dass dieses Warten doch bald ein Ende nähme. Froh und mit heimlichem Stolz blickt Nelly zu ihrem Sohn hinüber, als sie auf den Markt zurückkehrt. Sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange, während er gerade Kunden bedient.»Guter Junge«, sagt sie, und Wim blickt verlegen. ›Wirklich, ein guter Junge‹, wiederholt sie in Gedanken. ›Nichts Ungewöhnliches, wenn Frauen ihre Männer antreiben müssen, Väter wie Söhne, da sie sonst ihr ganzes Leben, oder doch zur Hälfte, verschlafen.‹ Aber wahr ist auch, dass sich Wim nie oder selten über das ewige Gleichmaß ihres gemeinsamen Tuns beklagt. Ebenso wenig jammert er über das Umfeld ihrerArbeit. Nur abends, wenn sie zu Hause sind, steht er endlos unter der Dusche, um sich den Fischgeruch aus Haaren und Poren zuspülen. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de     

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