DER ENGEL IM PARK 7.Teil
Die Mittagszeit ist lange vorbei. Verspätete Kunden hasten von Stand zu Stand. Dort wird eilig zusammengepackt und auf Wagen verladen, was von der Marktware übrig blieb. Wie immer vor Festtagen lassen sich manche Kunden besonders viel Zeit. Ihr Frage- und Antwortspiel nimmt kein Ende. ›Zu viel‹ oder ›zuwenig‹. Nie sagt die Fischwaage voraus, welche Menge die Esser im Moment ihrer Mahlzeit sättigen wird. Der Schwund bei der Zubereitung durch Hitze und Probierhäppchen ist ohnehin nicht vorauszubestimmen. ›Nur ja nicht länger als fünf Minuten auf jeder Seite. ‹Auch die alten Hausrezepte weiß Nelly aus dem Kopf her zusagen. Mit den Jahren sind ihr die Fragen zur Gewohnheit geworden. Manch einer dehnt die Zeit des Auswählens und Verwerfens durch endloses Zaudern, um wenigstens für diesen Bruchteil des Tags der häuslichen Einsamkeit zu entgehen. »Ich muss mich beeilen!«, ruft Nelly dem Sohn zu, als sie aus dem Verkaufswagen hastet. Auch sie entscheidet sich spätzu letzten Weihnachtseinkäufen. Doch ihre Beine mögen dem Zwang zur Eile kaum folgen.»´tschuldigung!«, keucht sie, und mit schiefem Seitenblick pack ihr die blutjunge Marktkollegin Lebkuchen und Dominosteine ein. »Noch Christstollen, bitte. «Christstollen mochte er besonders, vor allem, wenn dazu heißer Grog oder Glühwein duftete. Mit prallen Tüten und Taschen drängen sich letzte Marktbesucher am Glühweinstand. »Voll, bitte!«, bestimmt Nelly und reicht dem Budenbesitzer die Thermoskanne. »Willst du das etwa …?«, fragt der und lächelt dünn. »Quatsch nicht! Wer sagt dir, dass ich heute allein bin?« Nelly wundert sich über den eigenen barschen Ton. »Frohes Fest!«, wünscht sie, als sie geht, und ihre Stimme klingt wieder versöhnlich. »Frohes Fest!«, kommt es von den Umstehenden zurück. Sie alle hier lassen sich vom flüchtigen Geist beflügeln, der ausBechern und Gläsern aufsteigt, um leichten Sinns Abschied zunehmen vom langen Advent, der Zeit der Erwartung und alljährlich wiederkehrender Rituale: des Aussuchens und Versteckens, des Wispern und Flüsterns, der Andeutungen und Vermutungen. Und dann am Abend die Lösung aller Spannung: staunendeKinder- und Erwachsenenaugen, in denen sich mild dasKerzenlicht spiegelt, Laute der Überraschung, echter Freude oder kaum unterdrückter Enttäuschung, die Lieder, das Festessen. Ja, und bei Manchen gibt es auch bösen Streit. Zum Schluss der besinnliche Teil: Das Erinnern und Fabulieren, wie es früher war, ärmlicher zwar, doch oftmals auch glücklicher. So behaupten es zumindest die Alten. In Nellys Familie war, seit sie denken kann,das Christkind Überbringer des Heils, das die Seelen aus denKlauen des Bösen befreit und als Lohn für gute Taten gelegentlich kleine Geschenke zurücklässt. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de