DER ENGEL IM PARK 8.Teil
Kies knirscht unter ihren Sohlen und ruft sie aus dem Erinnern. Sie ist durch ein offenes Tor getreten. Nelly liebt diesen Ort, denPark, wie sie den Friedhof hier nennen. Im Takt ihrer Schritte huscht dürr und schräg ein Gespenst vor ihr her, das dunkel aus ihren Füßen wächst. Doch bald schon vereint sich ihr Schatten mit dem der Bäume, die als treue Wächter am Wegrand stehen. Die Sonne setzt ihnen im Untergang glitzernde Kronen auf. ›Wie doch die geschwungenen Wege dem Lauf des Lebens ähneln‹, sinniert Nelly. Irgendwo hinter Hecken und immergrünen Gehölzen wird es seinen irdischen Abschluss finden. Sie weiß, für die Zurückbleibenden zeigt sich der Tod so schön und friedvoll erst lange Zeit nach dem endgültigen Abschied. Der Strom der Tränen, der hier an frischen Gräbern vergossen wird, könnte Seen füllen. Sie selbst trägt die Trauer versteckt in ihrem Innern, ein unlöschbares Schwelen, das nie nach außen dringt, sondern sich unsichtbar durch ihre Seele frisst. Sie biegt vom Hauptweg in ein großes Gräberfeld ab. Jedes Mal stockt ihr Schritt, wenn sie von weitem die vertraute Gestalt sieht. Länger als ihre Erinnerungreicht, harrt er schon auf dem Grab der Familie des Tags derAuferstehung und sendet sein sanftes Lächeln auf den kleinen Fleck Erde zu seinen Füßen: der Engel. Ergriffen betrachtet sie aus der Entfernung seine Erscheinung. Ob steinerne Engel auch fliegen können, hatte sie als Kind gefragt. Da guckten die Erwachsenen verlegen, und ihre Mundwinkel zuckten. Nur Vater fasste sie bei der Hand und flüsterte: »Sie fliegen des Nachts, wenn keiner es sieht. «Sachte auftretend, um die Ruhe der Schlafenden nicht zu stören, war sie dann mit ihm durch die Grabreihen gegangen. Manchmal erzählte er ihr die Geschichten all derer, die da unter rankendem Immergrün dem Jüngsten Tag entgegen dämmerten. Sie tastet nach dem Griff ihres Einkaufs-Trolleys, den sie bisher achtlos hinter sich her gezerrt hatte. Wenige Schritte noch, dann ist sie am Ziel. Sie hört panisches Flügelschlagen. Aufgeschreckt fliegt eine Taube davon. Der Engel zeigt keinerlei Furcht, nur seine für alle Zeit eingemeißelte Milde. In unveränderter Haltung breitet er seine Flügel aus. Wie einen geöffneten Schirm hält er sie über das enge Reich der ihm Anvertrauten. ›Was war wohl mühsamer‹, fragt sich Nelly, ›den Menschen aus Lehm zu kneten oder ein solch schönes Wesen aus Stein zu schlagen?‹ Immerhin, anders als der Mensch folgt der steinerne Himmelsbote für alle Zeit dem Willen seines Schöpfers, ohne Klage, sogar mit frohlockendemAusdruck und wahrt geduldig seine einmal bestimmte Haltung.Mit einer Hand weist er zum Himmel, die andere bietet er den gefallenen Seelen für den Moment ihrer Auferstehung als verlässliche Stütze. Und sicher wird er auch sie dereinst aus demDunkel ins Licht führen. Denn an Engel glaubt Nelly fest. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de