DER ENGEL IM PARK 9.Teil
Trauer empfindet sie heute an diesem Ort nicht, eher eine heitere Gelöstheit. Wird doch an diesem Tag des Vorabends einer Geburtgedacht, eines Zeichens, dass mit dem eigenen Tod das Leben auf Erden nicht endet. All die Jahre ist sie hergekommen, hat für jedes Familienmitglied in diesem Grab ein Licht entzündet. Aber das Größte war immer für ihn. ›Cees, Lieber‹, seufzt sie. Heute ist es das zehnte Mal, dass sie als Witwe herkommt, zu ihm und den anderen. Wer hätte gedacht, dass trotz der Jahre die Erinnerung niemals verblasst und die Liebe auch über den Tod hinaus bleibt. Wie oft hatte sie gemeint, Cees stünde neben ihr und legte ihr gleich den Arm um die Schulter. Nelly schnäuzt sich. Wie gern fühlte sie seine Nähe und sähe sein Lächeln unter der Schiffermütze. Auch wenn sie damals erkennen musste, dass dieses Lächeln nicht immer nur ihr galt. ›Cees, Treuloser!‹›Vermeulen‹ steht in blassen Goldbuchstaben dort, wo heute sein Platz ist. Immerhin hat er nie mehr als Matrose auf einem Rheinschiff angeheuert. Seit sie ein Paar waren, genügte ihm der tägliche Ortswechsel ihrer Märkte. Doch bald nehmen auch für sie alle Ortswechsel ein Ende. Dann wird ihr Name in das freie Schriftfeld neben dem seinen eingemeißelt: ›Nelly Vermeulen, geb. Maas.‹ ›Maas‹ heißen sonst alle hier. Einen ›Maas‹, ihren Urgroßvater, hatte es aus dem Grenzland nach hier verschlagen. Und seine Nachkommen waren zahlreich. »Jetzt wird gefeiert!«, ruft Nelly in die Stille und beginnt, ihreTasche auszupacken. Zuerst die winzige Tanne im Blumentopf, weiß bestäubt, da ja bisher kein echter Schnee fallen wollte. Dann die Kerzen, deren Windschirme ihrem vorzeitigen Erlöschen vorbeugen sollen, die Teller, die sie mit dem soeben gekauften Weihnachtsgebäck füllt.»Fürs selber Backen war wieder mal keine Zeit«, entschuldigt sie sich. Dann folgen die Gläser und die Thermoskanne mit dem Glühwein. Zum Schluss zieht sie ihr kleines Klappstühlchen aus der Tasche, auf dem sie sich – oft mit schlechtem Gewissen – in freien Minuten auf dem Markt ausruht. Sie stellt die Kerzen auf den festgefrorenen Boden und zündet sie an. Mit dem Messer zerteilt sie den Christstollen in gleich große Scheiben und gießt dann den Glühwein ein: zwei Gläser, randvoll. Das eine stellt sie vor Cees’ Kerze an die Stelle, an der sie tief unten sein erkaltetes Herz weiß. Dünne Dampffäden steigen auf, und im Lichtschein leuchtet es rot aus dem Glas. »Frohe Weihnacht!«, ruft Nelly, und ihre Stimme klingt fest. Niemand hier soll ihr nachsagen können, sie sei eine weinerlicheAlte geworden.»Frohe Weihnacht!«, wiederholt sie und schlürft mit spitzenLippen das heiße Getränk.»Für dich habe ich etwas Besonderes«, flüstert sie zärtlich. ›Oude Jenever‹ kann sie im Dämmerlicht gerade noch auf dem Etikett lesen. ›Gegarandeerd tien jaar oud‹, buchstabiert sie weiter die fremden Worte. »Zehn Jahre, Cees. So lange lässt du mich nun schon allein. «Sie versteckt die Flasche hinter dem kleinen Weihnachtsbaum. Auch zu seinen Lebzeiten hatte sie seine Vorliebe vor anderenstets verborgen gehalten. Müde lässt Nelly sich in den Klappstuhl fallen. ›Gleich wird es stockfinster‹, denkt sie. Doch Furcht empfindet sie nicht. ›Sicher hat längst jemand das große Eisentor zugeschlossen.‹Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de