DER ENGEL IM PARK 10.Teil
Montag, Dezember 22nd, 2008Stumm leuchten von den Gräbern ringsum Lichter herüber. Sie blickt zum Himmel. Sterne blinzeln tröstend herab. Und wie eine zerbrochene Oblate zeigt sich der Mond. Sie gießt sich ein zweites Mal Glühwein ins Glas. Die Wärme, die ihr ins Innere fließt, lässt sie die eiskalte Luft vergessen. Und mit dem Dampf aus dem Glas steigt bei ihr die Erinnerung auf. Gegen alle hier hatten sie es durchgesetzt: Bald, nachdem sie sich kannten, feierten sie damals zu Weihnachten ihre Verlobung. Cees brachte zur Hochzeit nicht nur seine Klompen aus Holland mit, sondern auch die Gewohnheit, die Geschenke schon am ›Pakjesdag‹, dem Abend vor Sankt Nikolaus, zu verteilen. Wenn Cees dann – unerkannt vom eigenen Sohn – als ›SinterKlaas‹ bunte Pakete brachte, wunderte der sich anfangs, dass Papa nie da war, wenn es Geschenke gab. Und erst das Gesicht am Heiligen Abend! Anders als bei den Familien ringsum blieb bei ihnen an diesem Tag der Gabentisch leer. Als Festessen tischte sie den Ihren niemals zu Weihnachten Fisch auf, sondern meist eine fette Gans. Da balgten sich Vater und Sohn um die größten Stücke. Und hinterher tranken die Erwachsenen den alten Klaren aus seiner Heimat. »Prost«, sagt Nelly und hebt ihr Glühweinglas. »Als du an diesem Morgen gar nicht aufwachen wolltest, hab ich zuerst aneinen deiner Scherze geglaubt. Du hattest einen eigenen Humor, Cees!« Sie trinkt in hastigen Schlucken. »Doch nichts hat dich je wieder aufgeweckt. Kein Schütteln, kein Rufen, nicht meine Küsse …« Nellys Murmeln stockt. »Cees, Liebster! Waren das Jahre mit dir, wenn ich auch manches Mal Kummer hatte! Gab´s da doch diese Frau, diese Lisbeth, die dir schöne Augen machte. Die hat´s nicht mal gestört, dass du einen Ring an der Hand trugst, meinen Ring! Und als sie kurz nach dir starb – jemand sagte, sie hätte eine Fischgräte verschluckt – da war ich ganz außer mir. Nicht über ihren Tod,nein, aber ich stellte mir vor, jetzt wär sie für immer bei dir. Tu mir das nicht an, Cees, bitte!«»Nelly, flenn nicht«, rafft sie sich auf. »Heut ist kein Tag zum Jammern. Zum Wohl auf das Neugeborene und auf alle, die nach uns kommen. Prost!« Aus der Kanne fließt ihr glucksend der letzte Rest Glühweinins Glas. »Für alle ein frohes Fest!« Ihre Zunge geht schwer. »Der ganzen Familie ein frohes Fest!« Dann summt sie die Melodie von ›Stille Nacht, Heilige Nacht‹und wiegt im Takt ihren Kopf dazu. Dort tief drinnen sind wieder die Stimmen aus alter Zeit, ein Flüstern und Brummen. Es knackt in den Bäumen. Der Frost bricht das Holz. Unbemerkt sind Mond und Sterne hinter Wolken verschwunden. Erste Schneekristalle taumeln ihr kalt ins Gesicht. Im flackernden Kerzenlicht ist ihr, als strecke der steinerne Engel seine Hand nach ihr aus. »Jetzt kriegen wir doch noch unsere weiße Weihnacht«, flüstert Nelly. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de