Aphorismus der Woche - #1
Freitag, Mai 1st, 2009„… Das Klavierstimmen ist, als ob Gott einem Menschen das Leben einhaucht …“
Zu finden auf S. 76 des Romans „Das liebe Fräulein Klimpernell“
Erschienen im Allitera Verlag, München
„… Das Klavierstimmen ist, als ob Gott einem Menschen das Leben einhaucht …“
Zu finden auf S. 76 des Romans „Das liebe Fräulein Klimpernell“
Erschienen im Allitera Verlag, München
Liebe Leserin, lieber Leser,
ein „Aphorismen-Jäger“, offenbar ein Musik-Liebhaber, ist in einigen meiner Bücher auf Formulierungen gestoßen, die er wert findet, als Aphorismus aus dem Text heraus gelöst zu betrachten.
Herzliche Grüße,
Ihr Herbert Asbeck
Liebe Besucherin, lieber Besucher,
in einer Schreibpause ein kurzes Lebenszeichen aus der Literatur-Werkstatt:
Ich bin eingeladen, am 9. Mai 2009 im Rahmen einer VS-Reihe in der „Nacht der Museen“ im Goethe-Museum in Düsseldorf zu lesen. Den kompletten Einladungstext finden Sie im Anschluss an diese Mitteilung.
Mein Lese-Block startet um 22:30 Uhr. Entschieden haben ich mich für einige Szenen aus meiner Einpersonen-Komödie „TROTT“.
TROTT ist ein Name, aber auch Programm. TROTT ist Autor und nimmt an einem Wettbewerb teil: „Schreiben nach Goethe“. Wie jeder Wettbewerb, ein fragwürdiges Unterfangen …
Wenn Sie mehr über den Inhalt des Stücks wissen möchten, lesen Sie bitte die Inhalts-Angabe auf meiner Theaterseite nach.
Vielleicht treffen wir uns bei Goethes?
Bis dahin grüßt herzlich,
Herbert Asbeck
PS.: Wenn Sie ein berühmter Schauspieler sind und gern einmal eine Einpersonen-Komödie spielen möchten, melden Sie sich bitte! Ein Theater sucht dafür dringend den populären Erz-Komödianten!
AutorInnen Autoren Lesung
im Goethe-Museum Düsseldorf
Schloss Jägerhof, Jacobistr. 2
Samstag, 9. Mai während der „Nacht der Museen“
„Im geistigen Klima einer Stadt“
Es lesen:
19:30 Uhr: Klas E. Everwyn
20:00 Uhr: Ingrid Bachér
21-22 Uhr Live-Musik mit Gesang – von Logau bis Bachmann
Liederzyklus „Siebengestirn“ Neukompositionen von F. Bernsdorf
22:30 Uhr: Herbert Asbeck
23:00 Uhr: Wulf Noll
Moderation: Ina-Maria von Ettingshausen
Eine Kooperation des Goethe-Museums Düsseldorf mit dem
Verband deutscher Schriftsteller (VS) in der ver.di Region Düsseldorf,
gefördert vom Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen
Rundum-Eintrittskarte inkl. Shuttle für die
„Nacht derMuseen“ in Düsseldorf: 12,– €
Stumm leuchten von den Gräbern ringsum Lichter herüber. Sie blickt zum Himmel. Sterne blinzeln tröstend herab. Und wie eine zerbrochene Oblate zeigt sich der Mond. Sie gießt sich ein zweites Mal Glühwein ins Glas. Die Wärme, die ihr ins Innere fließt, lässt sie die eiskalte Luft vergessen. Und mit dem Dampf aus dem Glas steigt bei ihr die Erinnerung auf. Gegen alle hier hatten sie es durchgesetzt: Bald, nachdem sie sich kannten, feierten sie damals zu Weihnachten ihre Verlobung. Cees brachte zur Hochzeit nicht nur seine Klompen aus Holland mit, sondern auch die Gewohnheit, die Geschenke schon am ›Pakjesdag‹, dem Abend vor Sankt Nikolaus, zu verteilen. Wenn Cees dann – unerkannt vom eigenen Sohn – als ›SinterKlaas‹ bunte Pakete brachte, wunderte der sich anfangs, dass Papa nie da war, wenn es Geschenke gab. Und erst das Gesicht am Heiligen Abend! Anders als bei den Familien ringsum blieb bei ihnen an diesem Tag der Gabentisch leer. Als Festessen tischte sie den Ihren niemals zu Weihnachten Fisch auf, sondern meist eine fette Gans. Da balgten sich Vater und Sohn um die größten Stücke. Und hinterher tranken die Erwachsenen den alten Klaren aus seiner Heimat. »Prost«, sagt Nelly und hebt ihr Glühweinglas. »Als du an diesem Morgen gar nicht aufwachen wolltest, hab ich zuerst aneinen deiner Scherze geglaubt. Du hattest einen eigenen Humor, Cees!« Sie trinkt in hastigen Schlucken. »Doch nichts hat dich je wieder aufgeweckt. Kein Schütteln, kein Rufen, nicht meine Küsse …« Nellys Murmeln stockt. »Cees, Liebster! Waren das Jahre mit dir, wenn ich auch manches Mal Kummer hatte! Gab´s da doch diese Frau, diese Lisbeth, die dir schöne Augen machte. Die hat´s nicht mal gestört, dass du einen Ring an der Hand trugst, meinen Ring! Und als sie kurz nach dir starb – jemand sagte, sie hätte eine Fischgräte verschluckt – da war ich ganz außer mir. Nicht über ihren Tod,nein, aber ich stellte mir vor, jetzt wär sie für immer bei dir. Tu mir das nicht an, Cees, bitte!«»Nelly, flenn nicht«, rafft sie sich auf. »Heut ist kein Tag zum Jammern. Zum Wohl auf das Neugeborene und auf alle, die nach uns kommen. Prost!« Aus der Kanne fließt ihr glucksend der letzte Rest Glühweinins Glas. »Für alle ein frohes Fest!« Ihre Zunge geht schwer. »Der ganzen Familie ein frohes Fest!« Dann summt sie die Melodie von ›Stille Nacht, Heilige Nacht‹und wiegt im Takt ihren Kopf dazu. Dort tief drinnen sind wieder die Stimmen aus alter Zeit, ein Flüstern und Brummen. Es knackt in den Bäumen. Der Frost bricht das Holz. Unbemerkt sind Mond und Sterne hinter Wolken verschwunden. Erste Schneekristalle taumeln ihr kalt ins Gesicht. Im flackernden Kerzenlicht ist ihr, als strecke der steinerne Engel seine Hand nach ihr aus. »Jetzt kriegen wir doch noch unsere weiße Weihnacht«, flüstert Nelly. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de
Trauer empfindet sie heute an diesem Ort nicht, eher eine heitere Gelöstheit. Wird doch an diesem Tag des Vorabends einer Geburtgedacht, eines Zeichens, dass mit dem eigenen Tod das Leben auf Erden nicht endet. All die Jahre ist sie hergekommen, hat für jedes Familienmitglied in diesem Grab ein Licht entzündet. Aber das Größte war immer für ihn. ›Cees, Lieber‹, seufzt sie. Heute ist es das zehnte Mal, dass sie als Witwe herkommt, zu ihm und den anderen. Wer hätte gedacht, dass trotz der Jahre die Erinnerung niemals verblasst und die Liebe auch über den Tod hinaus bleibt. Wie oft hatte sie gemeint, Cees stünde neben ihr und legte ihr gleich den Arm um die Schulter. Nelly schnäuzt sich. Wie gern fühlte sie seine Nähe und sähe sein Lächeln unter der Schiffermütze. Auch wenn sie damals erkennen musste, dass dieses Lächeln nicht immer nur ihr galt. ›Cees, Treuloser!‹›Vermeulen‹ steht in blassen Goldbuchstaben dort, wo heute sein Platz ist. Immerhin hat er nie mehr als Matrose auf einem Rheinschiff angeheuert. Seit sie ein Paar waren, genügte ihm der tägliche Ortswechsel ihrer Märkte. Doch bald nehmen auch für sie alle Ortswechsel ein Ende. Dann wird ihr Name in das freie Schriftfeld neben dem seinen eingemeißelt: ›Nelly Vermeulen, geb. Maas.‹ ›Maas‹ heißen sonst alle hier. Einen ›Maas‹, ihren Urgroßvater, hatte es aus dem Grenzland nach hier verschlagen. Und seine Nachkommen waren zahlreich. »Jetzt wird gefeiert!«, ruft Nelly in die Stille und beginnt, ihreTasche auszupacken. Zuerst die winzige Tanne im Blumentopf, weiß bestäubt, da ja bisher kein echter Schnee fallen wollte. Dann die Kerzen, deren Windschirme ihrem vorzeitigen Erlöschen vorbeugen sollen, die Teller, die sie mit dem soeben gekauften Weihnachtsgebäck füllt.»Fürs selber Backen war wieder mal keine Zeit«, entschuldigt sie sich. Dann folgen die Gläser und die Thermoskanne mit dem Glühwein. Zum Schluss zieht sie ihr kleines Klappstühlchen aus der Tasche, auf dem sie sich – oft mit schlechtem Gewissen – in freien Minuten auf dem Markt ausruht. Sie stellt die Kerzen auf den festgefrorenen Boden und zündet sie an. Mit dem Messer zerteilt sie den Christstollen in gleich große Scheiben und gießt dann den Glühwein ein: zwei Gläser, randvoll. Das eine stellt sie vor Cees’ Kerze an die Stelle, an der sie tief unten sein erkaltetes Herz weiß. Dünne Dampffäden steigen auf, und im Lichtschein leuchtet es rot aus dem Glas. »Frohe Weihnacht!«, ruft Nelly, und ihre Stimme klingt fest. Niemand hier soll ihr nachsagen können, sie sei eine weinerlicheAlte geworden.»Frohe Weihnacht!«, wiederholt sie und schlürft mit spitzenLippen das heiße Getränk.»Für dich habe ich etwas Besonderes«, flüstert sie zärtlich. ›Oude Jenever‹ kann sie im Dämmerlicht gerade noch auf dem Etikett lesen. ›Gegarandeerd tien jaar oud‹, buchstabiert sie weiter die fremden Worte. »Zehn Jahre, Cees. So lange lässt du mich nun schon allein. «Sie versteckt die Flasche hinter dem kleinen Weihnachtsbaum. Auch zu seinen Lebzeiten hatte sie seine Vorliebe vor anderenstets verborgen gehalten. Müde lässt Nelly sich in den Klappstuhl fallen. ›Gleich wird es stockfinster‹, denkt sie. Doch Furcht empfindet sie nicht. ›Sicher hat längst jemand das große Eisentor zugeschlossen.‹Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de
Kies knirscht unter ihren Sohlen und ruft sie aus dem Erinnern. Sie ist durch ein offenes Tor getreten. Nelly liebt diesen Ort, denPark, wie sie den Friedhof hier nennen. Im Takt ihrer Schritte huscht dürr und schräg ein Gespenst vor ihr her, das dunkel aus ihren Füßen wächst. Doch bald schon vereint sich ihr Schatten mit dem der Bäume, die als treue Wächter am Wegrand stehen. Die Sonne setzt ihnen im Untergang glitzernde Kronen auf. ›Wie doch die geschwungenen Wege dem Lauf des Lebens ähneln‹, sinniert Nelly. Irgendwo hinter Hecken und immergrünen Gehölzen wird es seinen irdischen Abschluss finden. Sie weiß, für die Zurückbleibenden zeigt sich der Tod so schön und friedvoll erst lange Zeit nach dem endgültigen Abschied. Der Strom der Tränen, der hier an frischen Gräbern vergossen wird, könnte Seen füllen. Sie selbst trägt die Trauer versteckt in ihrem Innern, ein unlöschbares Schwelen, das nie nach außen dringt, sondern sich unsichtbar durch ihre Seele frisst. Sie biegt vom Hauptweg in ein großes Gräberfeld ab. Jedes Mal stockt ihr Schritt, wenn sie von weitem die vertraute Gestalt sieht. Länger als ihre Erinnerungreicht, harrt er schon auf dem Grab der Familie des Tags derAuferstehung und sendet sein sanftes Lächeln auf den kleinen Fleck Erde zu seinen Füßen: der Engel. Ergriffen betrachtet sie aus der Entfernung seine Erscheinung. Ob steinerne Engel auch fliegen können, hatte sie als Kind gefragt. Da guckten die Erwachsenen verlegen, und ihre Mundwinkel zuckten. Nur Vater fasste sie bei der Hand und flüsterte: »Sie fliegen des Nachts, wenn keiner es sieht. «Sachte auftretend, um die Ruhe der Schlafenden nicht zu stören, war sie dann mit ihm durch die Grabreihen gegangen. Manchmal erzählte er ihr die Geschichten all derer, die da unter rankendem Immergrün dem Jüngsten Tag entgegen dämmerten. Sie tastet nach dem Griff ihres Einkaufs-Trolleys, den sie bisher achtlos hinter sich her gezerrt hatte. Wenige Schritte noch, dann ist sie am Ziel. Sie hört panisches Flügelschlagen. Aufgeschreckt fliegt eine Taube davon. Der Engel zeigt keinerlei Furcht, nur seine für alle Zeit eingemeißelte Milde. In unveränderter Haltung breitet er seine Flügel aus. Wie einen geöffneten Schirm hält er sie über das enge Reich der ihm Anvertrauten. ›Was war wohl mühsamer‹, fragt sich Nelly, ›den Menschen aus Lehm zu kneten oder ein solch schönes Wesen aus Stein zu schlagen?‹ Immerhin, anders als der Mensch folgt der steinerne Himmelsbote für alle Zeit dem Willen seines Schöpfers, ohne Klage, sogar mit frohlockendemAusdruck und wahrt geduldig seine einmal bestimmte Haltung.Mit einer Hand weist er zum Himmel, die andere bietet er den gefallenen Seelen für den Moment ihrer Auferstehung als verlässliche Stütze. Und sicher wird er auch sie dereinst aus demDunkel ins Licht führen. Denn an Engel glaubt Nelly fest. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de
Die Mittagszeit ist lange vorbei. Verspätete Kunden hasten von Stand zu Stand. Dort wird eilig zusammengepackt und auf Wagen verladen, was von der Marktware übrig blieb. Wie immer vor Festtagen lassen sich manche Kunden besonders viel Zeit. Ihr Frage- und Antwortspiel nimmt kein Ende. ›Zu viel‹ oder ›zuwenig‹. Nie sagt die Fischwaage voraus, welche Menge die Esser im Moment ihrer Mahlzeit sättigen wird. Der Schwund bei der Zubereitung durch Hitze und Probierhäppchen ist ohnehin nicht vorauszubestimmen. ›Nur ja nicht länger als fünf Minuten auf jeder Seite. ‹Auch die alten Hausrezepte weiß Nelly aus dem Kopf her zusagen. Mit den Jahren sind ihr die Fragen zur Gewohnheit geworden. Manch einer dehnt die Zeit des Auswählens und Verwerfens durch endloses Zaudern, um wenigstens für diesen Bruchteil des Tags der häuslichen Einsamkeit zu entgehen. »Ich muss mich beeilen!«, ruft Nelly dem Sohn zu, als sie aus dem Verkaufswagen hastet. Auch sie entscheidet sich spätzu letzten Weihnachtseinkäufen. Doch ihre Beine mögen dem Zwang zur Eile kaum folgen.»´tschuldigung!«, keucht sie, und mit schiefem Seitenblick pack ihr die blutjunge Marktkollegin Lebkuchen und Dominosteine ein. »Noch Christstollen, bitte. «Christstollen mochte er besonders, vor allem, wenn dazu heißer Grog oder Glühwein duftete. Mit prallen Tüten und Taschen drängen sich letzte Marktbesucher am Glühweinstand. »Voll, bitte!«, bestimmt Nelly und reicht dem Budenbesitzer die Thermoskanne. »Willst du das etwa …?«, fragt der und lächelt dünn. »Quatsch nicht! Wer sagt dir, dass ich heute allein bin?« Nelly wundert sich über den eigenen barschen Ton. »Frohes Fest!«, wünscht sie, als sie geht, und ihre Stimme klingt wieder versöhnlich. »Frohes Fest!«, kommt es von den Umstehenden zurück. Sie alle hier lassen sich vom flüchtigen Geist beflügeln, der ausBechern und Gläsern aufsteigt, um leichten Sinns Abschied zunehmen vom langen Advent, der Zeit der Erwartung und alljährlich wiederkehrender Rituale: des Aussuchens und Versteckens, des Wispern und Flüsterns, der Andeutungen und Vermutungen. Und dann am Abend die Lösung aller Spannung: staunendeKinder- und Erwachsenenaugen, in denen sich mild dasKerzenlicht spiegelt, Laute der Überraschung, echter Freude oder kaum unterdrückter Enttäuschung, die Lieder, das Festessen. Ja, und bei Manchen gibt es auch bösen Streit. Zum Schluss der besinnliche Teil: Das Erinnern und Fabulieren, wie es früher war, ärmlicher zwar, doch oftmals auch glücklicher. So behaupten es zumindest die Alten. In Nellys Familie war, seit sie denken kann,das Christkind Überbringer des Heils, das die Seelen aus denKlauen des Bösen befreit und als Lohn für gute Taten gelegentlich kleine Geschenke zurücklässt. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de
Nur »er« ist weit vor der Zeit von ihr gegangen. ›Cees‹ hieß er und mit Nachnamen Vermeulen. Aber alle nannten ihn ›Käs‹; denn er stammte aus Holland. An Bord seines Rheinschiffs, auf dem er Matrose war, trug er sogar die typischen Klompen, Holzschuhe, wie sie in den Dörfern seiner Heimat üblich waren. Irgendwann stand er am Fischstand direkt vor ihr und fragte nach ›Maatjes‹. Ihr Vater hatte auf dem Großmarkt gerade das erste Fass dieses Jahres erstanden. Nelly sah, wie der Fremde den Fisch am Schwanzende fasste und mit geschlossenen Augen über seinen rückwärts geneigten Kopf hielt. Langsam verschwand der Fischleib im Rachen des Mannes. Er schien das zarte Fleisch des Tiers kaum zu kauen, sondern nur zwischen Gaumen und Zunge zu walken. Sie wunderte sich, wie sein Adamsapfel mit jedem Schluck tanzte. Als er sie danach aufmerksam ansah, hielt sie seinem Blick stand. Doch dann errötete sie. Noch nie hatte sie einen Mann so ausdauernd betrachtet. »Nu nog graag een Jenever of een biertje«, bat er in breitem Niederländisch und lachte. »Schnaps und Bier haben wir nicht!«, sagte ihr Vater barsch. »Wir verkaufen nur Fisch.« Danach kam Cees alle paar Wochen, wenn sein Schiff im Rheinhafen festmachte. Heimlich hatte sie für ihn eine Flasche Jenever gekauft und in der Kühlung versteckt. Viel sagte er nicht, wenn er vor ihr stand und sie fortwährend ansah. Nur seine Augen suchten die Antwort auf eine Frage, die er noch gar nicht gestellt hatte. Sobald ihr Vater sich abwandte, schüttete sie Cees ein Glas randvoll Jenever. »Prost«, sagte sie dann leise und beobachtete genau, wie er den Branntwein mit der Zunge in jede Mundfalte trieb. Erst dann schluckte er, und nach einem lang gezogenen »Aah«folgte ein: »Heerlijk, Juffrouw.« Denn es dauerte lang, bis er eswagte, sie beim Vornamen zu nennen. Wenn ihr die Wochen allzu lang wurden, ehe er wieder bei ihr auf dem Markt erschien, trank sie heimlich ein Glas von ›seinem Jenever‹ auf sein Wohlund auch darauf, dass dieses Warten doch bald ein Ende nähme. Froh und mit heimlichem Stolz blickt Nelly zu ihrem Sohn hinüber, als sie auf den Markt zurückkehrt. Sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange, während er gerade Kunden bedient.»Guter Junge«, sagt sie, und Wim blickt verlegen. ›Wirklich, ein guter Junge‹, wiederholt sie in Gedanken. ›Nichts Ungewöhnliches, wenn Frauen ihre Männer antreiben müssen, Väter wie Söhne, da sie sonst ihr ganzes Leben, oder doch zur Hälfte, verschlafen.‹ Aber wahr ist auch, dass sich Wim nie oder selten über das ewige Gleichmaß ihres gemeinsamen Tuns beklagt. Ebenso wenig jammert er über das Umfeld ihrerArbeit. Nur abends, wenn sie zu Hause sind, steht er endlos unter der Dusche, um sich den Fischgeruch aus Haaren und Poren zuspülen. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de
Nelly genießt die erste Tasse seit Stunden. In der Enge des Schankraums stehen die Marktleute dicht gedrängt. Die Wärme weckt ihre Redelust. Und so schwadronieren sie über Geschenke und Festtagsbraten, doch mehr noch über die schlechten Zeitenund die schrumpfenden Geldbeutel ihrer Kunden. Doch bald wieder drängt es Nelly ins Freie. Sie nimmt den geraden Weg zur Kirche. Zu den ganz Frommen zählt sie sich nicht, aber sie liebt die Stille dieses Orts. Oft hat sie sich gewünscht, zur Christmette um Mitternacht herzukommen. Doch nach der Arbeit des Tags war sie schon kurz nach der Heimkehr fest eingeschlafen. Ihr fällt auf, dass in diesem Jahr mehr Bettler als sonst vor dem Kirchenportal stehen. ›Spekulanten auch die!‹, regt sie sich innerlich auf. ›Erwarten, dass sich am Heiligen Fest nicht nur dieHerzen, sondern vor allem die Geldbörsen öffnen.‹ Bald darauf ist sie milder gestimmt, fällt ihr doch ein, wie nahe sie selbsteinmal dem Zustand der Mittellosigkeit war. Damals hatte ihr jemand im Vorbeigehen aus Mitleid einen Schein zugesteckt.Seitdem achtete sie sorgfältig auf ihr Äußeres.»Eine Spende für einen Obdachlosen!«Nelly wirft eine Münze in den Plastikbecher, mit dem ihr einMann den Weg versperrt.»Unsere fromme Nelly geht beten«, höhnt der Mann. Sie kennt ihn seit Jahren. »Du kannst dir gleich bei mir ein warmes Fischbrötchenholen.«»Fisch? Iih!«, sagt der Mann und verzieht das Gesicht.»Undankbare Welt!«, schimpft sie und zerrt wütend an der Klinke des schweren Portals. Schon im Windfang hört sie den Klang einer feierlichen Musik. Der Chor probt sein Oratorium, und der Organist lässt von der Empore Gottes mächtige Stimme dröhnen. Sie hält inne, und für einen Augeblick scheint ihr das Herz vor Ergriffenheit still zu stehen. Dann beginnen die Glocken zu läuten und versetzen in Erwartung der Geburt Christi alleund alles in frohes Schwingen, obwohl doch jeder hier weiß, wie erbärmlich er später zu Tode kam. Arme Maria! Wie grausam, ein Kind zu verlieren! Nelly ist dankbar, dass ihr dieser Kummer im Leben erspart blieb. Wird fortgesetzt. Erschienen im Allitera-Verlag, München . Näheres hierzu erfahren Sie auf meiner Internet-Seite unter “Hassans Geschenk und andere Erzählungen”, dem diese Geschichte entnommen ist.Zu erwerben auch bei Amazon.de